Blick ins Buch

 

Vielleicht war es absehbar. Ich weiß es nicht. Ich sitze da und weiß eines mit Sicherheit. Ich kann nicht mehr. Der Gedanke erschreckt mich nicht. Es ist einfach so. Mein Körper hat seinen Standpunkt ein für alle mal klar gemacht. Aus. Ruhe. Zusammenbruch. Ich glaube, er hat schon lange versucht mir etwas zu sagen. Ich habe ihn beschwichtigt, gemeint, es geht schon noch. Schließlich gibt es da die anderen, die sich in viel schwierigeren Situationen befinden. Da kann ich doch nicht. Schlaflosigkeit. Todmüde. Der tiefe Gedanke von “ich will nicht mehr“. So nicht. Innerliche Aufgabe. Sinnlosigkeit. Und trotzdem weiter. Aber jetzt. Aus. Ruhe. Zusammenbruch.

Schweißgebadete schlaf- und atemlose Nächte. Angst, Einsamkeit, Abgrund. Mir wird immer mehr bewusst, was der Gedanke aufzugeben, in meinem Körper ausgelöst hat. Im Gegensatz zu mir ist mein Körper jemand, der zuhört. Er respektiert meinen Wunsch und beginnt abzuschließen. Er verweigert Nahrung, legt einen Eisenring um meine Lunge, verengt meinen Hals. Panik bricht aus.

Da höre ich etwas, ganz tief drinnen in mir, kaum wahrnehmbar, aber es ist da. Ich versuche genau hinzuhören, aber noch verstehe ich es nicht. Schließlich ist mir klar, es ist mein Herz, das ruft. Es wird immer lauter, will endlich gehört werden, will wahrgenommen werden. Der Lärm, die Unruhe, die Hektik des Alltags haben das Rufen übertönt. Es gab Signale, aber es schien leichter, nicht hinzuhören. Sicherer. Die Möglichkeit, etwas zu hören, was ich nicht hören wollte, war groß. Dann besser nicht. Aber jetzt spitze ich meine Ohren. Ich will es wissen. Ich will hinhören und erkennen, was es braucht, was ich brauche. Ich will weitermachen. Ich will leben.

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Ich werde auf Rehabilitation geschickt. Laut Wikipedia bezeichnet das Wort Rehabilitation die Bestrebung oder ihren Erfolg, einen Menschen wieder in seinen vormals existierenden körperlichen Zustand zu versetzen. Ich fürchte mich sehr vor diesem Bestreben, soll sechs Wochen aus meiner gewohnten Umgebung, was mir zu diesem Zeitpunkt fast unmöglich scheint, andererseits merke ich, dass ich auch Angst davor habe, alleine zu Hause zu sein, in das Loch zu fallen, das sich immer weiter vor mir auftut. Ich fahre also hin, nach vier Tagen Kampf gegen mich selbst beschließe ich, mich darauf einzulassen, beginne es zu genießen, das vollkommene Abgeben jeglicher Verantwortung. Den Plan fürs tägliche Leben hole ich mir gemeinsam mit dem Bademantel alle zwei Wochen an der Rezeption. Bettruhe um zehn, aufstehen um sieben, frühstücken, lesen, wohin ich mich begeben soll, Therapie in jeder erdenklichen Form, Schneeschuhwanderungen, Ausruhen, aufgefangen sein in der Gruppe, Sport, dazwischen Essen, auch dafür hab ich einen auf mich abgestimmten Plan, es ist das Paradies. Und dann der Schock. Die Seifenblase platzt. Es ist amtlich. Der Aufenthalt im Winter Wonderland ist ein befristeter. Ich bin wieder auf mich selbst gestellt. Aber ich kämpfe weiter, gebe nicht auf. Der Grundstein ist gelegt.

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Ich entschließe mich, ein paar Wochen in der Natur zu verbringen. Die Stadt liegt schon weit hinter mir. Der Zug hält in einem kleinen Bahnhof, der Schalter unbesetzt, nur eine Frau eilt an mir vorbei auf ihr Auto zu, hält kurz inne und fragt dann freundlich, ob sie mich irgendwohin mitnehmen kann. Ich lehne dankend ab, will alleine sein. Ich krame in meinem Rucksack nach dem Plan, der mir den Weg zu meiner Bleibe für die nächsten Wochen zeigen soll. Es kann nicht so weit sein, und ich freue mich auf Bewegung.

Meine Therapeutin sagt, dass ich auf einem guten Weg bin. Zeit für mich alleine wird mir gut tun. Sie ist mir eine riesengroße Hilfe über viele Monate. Nicht nur sie. Ich habe das Glück, von wunderbaren Menschen umgeben zu sein, auch wenn ich das lange nicht erkennen kann, glaube von Einsamkeit erdrückt zu werden. Und ich habe das Glück, Hilfe annehmen zu können, bin bereit, mich dafür zu öffnen, worüber ich sehr froh bin. Auch mein Sparbuch kommt nach anfänglich vorwurfsvollen Blicken zu der Einsicht, dass keine Sparform der Welt jemals eine so hohe Rendite abwerfen kann, wie eine Investition in meine Gesundheit, eine Investition in mich selbst. Ich kreiere ein Auffangnetz, rette mich so von Woche zu Woche und erfahre mich jeden Tag neu.

Ich lese sehr viel zum Thema Depression, suche verzweifelt nach einem Anker, nach einem Seil, mit dem ich mich aus der Versenkung herausziehen kann. Es gibt immer wieder Zeilen, die mir Mut machen, mich dazu bewegen, die Schwere anzunehmen, nicht dagegen anzukämpfen, das Gefühl der Schwäche zuzulassen. Trotzdem fällt es manchmal enorm schwer, nicht zu Mitteln zu greifen, die sofortige Besserung versprechen. Ich sehne mich so nach Leichtigkeit, bin sehr oft knapp davor, der Versuchung nachzugeben, weiß aber, dass das nicht mein Weg ist.

Depression ist ein Zeichen des Körpers, dass er eine Pause braucht, das habe ich verstanden. In der Regel werden seine Zeichen, seine Hilferufe, bis es so weit kommt, schon sehr oft ignoriert. Aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Dann fordert er Aufmerksamkeit ohne Wenn und Aber. Dann ist es Zeit hinzuhören, Ruhe zu geben, Pause zu machen. Da ist auch ein Hinweis in einem Buch, dass nichts ewig dauert. Dass die Depression, wenn es Zeit ist, weggehen und dass dieser Moment ein großartiger sein wird. Nach der Dunkelheit kommt das Licht. Ich möchte wach sein im Geist, wenn das passiert. Und ich bin wach, fühle mich von Tag zu Tag stärker, es geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, es erfolgt fließend, aber kontinuierlich. Das Lachen wird wieder häufiger, die guten Tage zahlreicher, bis ich mich stark genug fühle für eine richtige Auszeit. Die Anstrengungen der letzten Monate, meine Aufbauarbeiten, bringen enorm viel Positives hervor, zehren aber auch ungemein an meinen Kräften. Es ist keine leichte Aufgabe, den inneren Akku wieder aufzuladen, doch eine mehr als lohnende. Ich bin freudig erregt, als ich mich auf den Weg mache, werde aber auch von Angst begleitet. Sie Schritt für Schritt loszulassen, nehme ich mir für die nächsten Wochen vor.

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Arvid schaut mir ins Gesicht und lächelt, als ich meine Augen öffne. Ich liebe dieses Lächeln und ich spüre, wie mein Herz vor Freude springt. Wir sind beide nackt, ich fühle mich ausgesprochen wohl dabei. Es ist schon komisch, meine ganzen Jugendjahre habe ich damit verbracht, etwas an meinem Körper auszusetzen, er musste durch viele Diäten und jede Menge Kritik ertragen. Dann, vor einigen Jahren, die Erkenntnis dieses Irrsinns. Die Waage, die mir bis dahin täglich den Stand der Dinge übermittelt und selten zu meiner Zufriedenheit, fliegt in weitem Bogen aus dem Haus, eine der befreiendsten Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Und jetzt, deutlich über vier Jahrzehnte nach meiner Geburt und mit Sicherheit weniger knackig als in meinen Jugendjahren, liege ich da und bin endlich stolz auf meinen Körper, bin ihm dankbar, dass ich in ihm wohnen darf, und möchte keinen anderen haben, um keinen Preis, auch keinen faltenlosen, denn auch sie gehören zu mir, sind Zeugen meiner Geschichte, meines Seins.

Laut der Weltgesundheitsorganisation werden Burn-Out Fälle und Depressionen bis zum Jahr 2020 die weltweit zweithäufigste Volkskrankheit nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, und sie befinden sich schon auf der Überholspur.
Es braucht ein Umdenken, es gilt so weit wie möglich zu verhindern, dass sich Menschen so ausgebrannt, so hilflos, so überfordert fühlen. Es braucht Präventionsmaßnahmen, die früh genug ansetzen, auch Menschen mit geringen Geldmitteln müssen die Möglichkeit haben, eine Therapie in Anspruch nehmen zu können und zwar bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten ihrer Wahl. Alles andere ist rausgeworfenes Geld, denn für einen therapeutischen Erfolg gibt es nichts Wichtigeres, als dass ich mit meinem Gegenüber harmoniere, eine Vertrauensbasis entstehen kann.

Es bedarf einer Aufteilung der Arbeit, es kann nicht sein, dass ein Teil der ArbeitnehmerInnen in Überstunden erstickt, während andere verzweifelt nach einer Beschäftigung suchen, es darf nicht sein, dass Menschen vierzig Stunden in der Woche arbeiten und nicht davon leben können, sich ein Grundbedürfnis wie Wohnen nicht leisten können. Es kann nicht sein, dass Menschen behandelt werden wie Maschinen, herumgeschoben wie Schachfiguren, freigesetzt werden, wenn man sie nicht mehr braucht, Angst haben müssen, im Krankenstand gekündigt zu werden, nicht wagen, auf Urlaub zu gehen, aus Panik davor, den Job zu verlieren, und in ihrer Freizeit immer und überall erreichbar sind.

Es ist höchste Zeit, ein System zu hinterfragen, in dem der Mensch nichts und der Profit alles zählt. Mit Psychopharmaka umzugehen, als würde es sich um Traubenzucker handeln, und dabei vollkommen die Ursachen der Erkrankung zu ignorieren, kann nicht der Weg sein. Es ist an der Zeit, uns zu fragen, was es ist, was wir von diesem Leben wollen, oder besser, was will das Leben von uns, was ist unsere Aufgabe, warum wurden wir mit diesem Leben beschenkt? Was genau versuchen wir zu erreichen? Welchen Zielen hetzen wir nach und warum? Was sind die substanziellen Dinge im Leben?

Wenn ich so zurückdenke, was mir von meinem bisherigen Leben wirklich in Erinnerung geblieben ist, welche Erlebnisse mich tief berührt haben, bei mir ein Gefühl der Dankbarkeit auslösen, wenn ich an sie denke, ein ja, es ist ein wunderbares Geschenk, dieses Leben erfahren zu dürfen, dann sind das scheinbar unwesentliche Begebenheiten, eine zarte Berührung, ein unbeschreiblich schöner Himmel, ein hingebungsvoller Kuss, eine laue Sommernacht, lachen bis die Tränen kommen, ein intensives Gespräch mit einer Freundin, Hautkontakt, eine Umarmung, berührende Musik. Ich bin davon überzeugt, in dem Moment, in dem wir diese Welt verlassen, werden es diese Dinge sein, an die wir uns erinnern können, es werden diese kleinen Begebenheiten sein, die uns das Gefühl geben werden, dass wir ein erfülltes Leben gelebt haben.